Wissen und Information

Arbeitsbereich

Wissen und Information

Der Arbeitsbereich beschäftigt sich mit der Bedeutung von Erfahrungswissen, Informationsverarbeitung und -dokumentation und der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit. Es wird untersucht, inwiefern sozial-kulturelle Kompetenzen als Teil des professionellen Selbstverständnisses in der Ausbildung und im polizeilichen Alltag zum Tragen kommen. Eine juristische Studie klärt die Anforderungen an Einsatzentscheidungen sowie die Informationspflichten der Beamtinnen und Beamten in sprachlich und kulturell fremden Milieus.

Teilprojekte

Die deutschen Polizeien des Bundes und der Länder haben mit unterschiedlichen Konzepten in der Aus- und Fortbildung auf die Kompetenzanforderung „kultureller Sensibilität“ reagiert. Allerdings sind diese sehr heterogen und es mangelt an Erkenntnissen über Qualität und Wirksamkeit der Maßnahmen. Eine umfassende Bestandsaufnahme und Evaluation der Konzepte polizeilicher Bildungseinrichtungen im Hinblick auf interkulturelle Qualifizierung ist für die Organisation und die Weiterentwicklung ihrer Curricula von entscheidender Bedeutung.

Zu diesem Zweck ist zunächst vorgesehen, im Sinne einer Bestandsaufnahme eine breite Übersicht über die bestehenden Konzepte zu gewinnen. Im Idealfall sollen hier die Informationen aus allen deutschen Polizeien eingehen.

Im zweiten Schritt erfolgt eine Evaluation, die sich auf wenige Polizeien beschränkt, und dort in der Tiefe Wissen über interkulturelle Qualifizierungsmaßnahmen generiert. Dies umfasst zum einen eine Prozessevaluation. Hier wird die Durchführung von Lehrveranstaltungen überwiegend mit qualitativen Forschungsmethoden beleuchtet. Dazu gehören eine teilnehmende Beobachtung sowie Interviews mit Verantwortlichen, Lehrpersonen und TeilnehmerInnen.
Zum anderen erfolgt eine Ergebnisevaluation, bei der mithilfe einer quantitativen Methodik die Wirksamkeit der Lehrveranstaltungen beforscht wird. Hierfür wird zu mehreren Zeitpunkten vor und nach der Lehrveranstaltung ein Fragebogen verwendet, der verschiedene Erwartungen, Reaktionen und Teilkompetenzen erfasst.

Die beiden Evaluationsfelder sind dabei nicht getrennt voneinander zu betrachten, sondern bauen aufeinander auf und werden im Forschungsprozess integriert. Ziel ist es, eine ganzheitliche Sicht auf die Konzepte, ihre Umsetzung, ihre Wirkungen und ihre Kontextbedingungen zu erreichen. Auf der Grundlage dieser Evaluation werden dann – ergänzend zur fortlaufenden Rückmeldung – Vorschläge zur Verbesserung des Trainings gemacht.

Verantwortliche Mitarbeiterinnen: Daniela Gutschmidt, Kristin Weber
Durch eine Vielzahl unterschiedlicher Kulturen, Nationalitäten, Lebensentwürfe und Lebensstile sind Polizistinnen und Polizisten in ihrem Berufsalltag mit heterogenen Einsatzsituationen, sprachlichen und handlungspraktischen Herausforderungen konfrontiert, für die es oftmals nur unzureichende Handlungs- und Rechtssicherheit gibt.

Fragt der Arbeitsbereich B1 nach den bisherigen Ausbildungsinhalten hinsichtlich interkultureller Kompetenzen innerhalb der Polizei, widmet sich der Arbeitsbereich B2 den Ausgangsbedingungen, Herausforderungen und Problemstellungen des polizeilichen Alltags in einer offenen Gesellschaft und damit auch den Anforderungen an interkulturelle Ausbildungsinhalte.

Durch die sich pluralisierende Gesellschaft erlangen die Wissensarbeit, die Steuerung des Wissens innerhalb der Organisation und auch die sozial-kulturelle Kompetenzen für PolizistInnen im Dienst eine immense Bedeutung.

Ziel ist es daher nachzuvollziehen, welches Wissen und welche Informationen in Einsätzen Anwendung finden. Verweist die bisherige Forschung darauf, dass gerade Erfahrungswissen und Praxisroutinen Sicherheit stiften können, mitunter aber auch stereotype Wahrnehmungs- und Handlungsmuster bedingen, liegt daher ein besonderes Erkenntnisinteresse auf dem impliziten Wissen als Entscheidungs- und Handlungsgrundlage in der Alltagspraxis.

Der Arbeitsbereich Wissen und Alltagspraxis untergliedert sich dabei in drei Unteraspekte:

Zunächst werden unterschiedliche Wissensebenen untersucht, die in der polizeilichen Alltagspraxis zur Anwendung kommen. Es wird danach gefragt, wie erfahrungsbasiertes (implizites) Wissen und Routinen innerhalb des Berufsalltags entstehen, welche Relevanzen und Bedeutungen ihnen für die Einsatzbewältigung zu Grunde liegen und wie diese im Kollegenkreis weitergegeben werden. Dabei spielt unter anderem auch die Bedeutung des Erfahrungswissens als Legitimation von Verdachtsmomenten eine zentrale Rolle. Der Beobachtungsfokus liegt dabei auf situativen und kommunikativen Problemkonstellationen im Einsatzgeschehen und alltagspraktischen Lösungsansätzen im Umgang mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Da die Handlungspraxis sich je nach Organisationseinheit innerhalb der Polizei unterscheidet, soll mittels teilnehmender Beobachtungen sowie qualitativer Interviews zunächst die Arbeit im Wach- und Wechseldienst der Schutzpolizei, sowie in der Praxisausbildung des mittleren Dienstes an zwei unterschiedlichen Standorten in Deutschland begleitet werden. Zum Zwecke der Kontrastierung sind insgesamt noch zwei weitere ethnographische Erhebungen bei der Bundes- sowie bei einer Einheit der Kriminalpolizei vorgesehen.

In einem zweiten Schritt wird dann die Wechselwirkung des Erfahrungswissens auf bürokratische Abläufe und formelle innerpolizeiliche Informationsprozesse untersucht. Hierbei wird danach gefragt, wie erfahrungsbasiertes Wissen in Bezug auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen über Daten als Informationen innerpolizeilich prozessiert werden und schlussendlich in Form von Fakten wieder Auswirkung auf das Handeln der Polizistinnen und Polizisten auf Streife haben können. Mittels teilnehmender Beobachtung innerpolizeilicher Prozessabläufe, qualitativer Interviews sowie einer Dokumentenanalyse von Notrufabwicklungen, Einsatzprotokollen etc. sollen diese Informationsprozesse empirisch untersucht werden.

In einem letzten Schritt werden dann die Sprachregelungen der polizeilichen Öffentlichkeitsarbeit hinsichtlich ihres Umgangs mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen analysiert. Die Veränderung des Pressekodes 12.1 des Deutschen Presserats zur Berichterstattung über Straftaten und der Zugehörigkeit zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten hat für den Alltag der Polizei und des Journalismus kaum Konkretisierung gebracht. Einzelne Kriminalfälle brachten darüber hinaus die polizeiliche Pressearbeit sowie ihre Sprachregelungen im Umgang mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen vermehrt in den öffentlichen Fokus. Durch eine Dokumentenanalyse sowie qualitativen Interviews mit Pressesprecherinnen und -sprechern der Polizei einzelner Bundesländer sollen erste Einblicke darüber gewonnen werden, welche Herausforderungen in der Außenkommunikation vorhanden sind, welche Abwägungen für die Nennung der Herkunft zu Grunde liegen und welche Nebenfolgen dabei in der Außenkommunikation entstehen können. Ziel dieser Erhebung ist es, innerhalb des Projekts Hinweise für einen sensiblen und gleichzeitig souveränen Umgang mit diesen Daten zu erarbeiten und für die polizeiliche Pressearbeit nutzbar zu machen.

Verantwortlicher Mitarbeiter: David Czudnochowski
Die juristische Studie B3 „Informationspflichten und Einsatzentscheidungen“ verfolgt die anwendungsorientierte Frage, welche rechtlichen Anforderungen die Polizei in der offenen Gesellschaft treffen.

Im Feld der Gefahrenabwehr gilt Kommunikation nach wie vor als das Einsatzmittel der Polizei. Im Kontext einer pluralisierten und damit zunehmend multilingualen Gesellschaft beschäftigt sich der erste Teilbereich deshalb mit Informations- und Kommunikationspflichten, die auch gegenüber nicht Deutsch sprechenden Mitgliedern der Gesellschaft zu erfüllen sind.

Im Rahmen der präventiven Aufgabe der Polizei gilt § 23 Abs. 1 Verwaltungsverfahrensgesetz (VwVfG), der lautet: „Die Amtssprache ist deutsch.“ Daraus folgt, dass Polizeibeamtinnen und -beamte sich in Ausübung ihres Amtes grundsätzlich der deutschen Sprache bedienen dürfen. Mögliche sprachliche Verständnis- und Verständigungsprobleme liegen somit auf Seiten des polizeilichen Gegenübers und damit in dessen rechtlichem Verantwortungsbereich. Um sprachliche Barrieren zu überwinden, darf die Polizei zwar von der deutschen Sprache abweichen, es besteht jedoch keine Verpflichtung in einer anderen Sprache als der deutschen zu kommunizieren. Gleichzeitig operiert die Polizei im Feld der Gefahrenabwehr überwiegend mit mündlichen Verfügungen, für deren Zugang jedoch mindestens notwendig ist, dass diese vernommen und als solche verstanden worden sind. Den Hintergrund dieser Voraussetzung bildet der Schutz Gehörloser oder Schwerhöriger vor der Fiktion der Bekanntgabe des mündlichen Verwaltungsakts. Ob ein solcher Schutz aufgrund des § 23 Abs. 1 VwVfG auch bei Sprachunkenntnis und Sprachschwierigkeiten gilt, ist jedoch, trotz grundsätzlicher Vergleichbarkeit der Situationen, umstritten.

Dabei gilt es auch zu berücksichtigen, dass, entgegengesetzt zu der grundsätzlichen Monolingualität im Feld der Gefahrenabwehr, für das Feld der Strafverfolgung multilinguale Aufklärungs- und Informationspflichten gelten. Die Intensität von Eingriffen in die Rechte des Einzelnen bei gefahrenabwehrrechtlichen Maßnahmen, wie der Gewahrsamnahme oder Durchsuchungen, ist jedoch zur Eingriffsintensität bei Strafverfolgungsmaßnahmen durchaus vergleichbar. Auch die in der Praxis oftmals fließenden Übergänge zwischen Gefahrenabwehr und Strafverfolgung sowie die Schwierigkeit um deren rechtliche Abgrenzung unterstreichen ebenso wie zweiseitige, sogenannte doppelfunktionale Maßnahmen die Problematik um die Disparität der sprachlichen Informations- und Kommunikationspflichten zwischen präventivem und repressivem Polizeihandeln.

Der Teilbereich zu Informationspflichten untersucht auf diesen Überlegungen aufbauend die Verteilung des sogenannten Sprachrisikos im präventiven Polizeihandeln und dessen grundrechtliche Auswirkungen. Gespiegelt wird auch das Potenzial neuerer technologischer Entwicklungen und die Praxis der Polizei im Umgang mit nicht Deutsch Sprechenden. Zu diesem Zwecke sind eine teilnehmende Beobachtung und eine Erhebung über (technologische) Methoden im Umgang mit sprachlichen Differenzen vorgesehen.

Der zweite Teilbereich zu Einsatzentscheidungen nimmt stetig Fragestellungen und Ergebnisse des soziologischen Arbeitsbereichs B2 auf und führt diese der Betrachtung aus einer juristischen Perspektive zu. Im Fokus steht dabei, welche Auswirkungen sich aus implizitem Wissen in der Polizeiarbeit auf das Recht ergeben. Implizites Wissen kann sich nicht nur auf die Entscheidung zur Vornahme polizeilicher Eingriffsmaßnahmen auswirken, sondern auch – etwa über die Figur der Anscheinsgefahr – die Beurteilung der Rechtmäßigkeit einer polizeilichen Maßnahme beeinflussen. Im Austausch entwickeln die Forschungsbereiche B2 und B3 gemeinsam Vorgaben im Umgang mit vorurteilsbehaftetem, implizitem Wissen.

Verantwortliche Mitarbeiterin: Sarah Praunsmändel