Wissen und Information

Arbeitsbereich

Wissen und Information

Der Arbeitsbereich B widmet sich der polizeilichen Sozialisation von der Ausbildung über die praktischen Trainings bis zum Berufsalltag. Er beschäftigt sich dabei mit den Ausgangsbedingungen, Herausforderungen und Problemstellungen des polizeilichen Alltags, die sich spezifisch durch die Pluralisierung der Gesellschaft abzeichnen. Unter der Überschrift „Wissen und Information“ wird die Wechselwirkung von Ausbildungs- und Erfahrungswissen in seiner Relevanz für das professionelle Handeln der Beamt:innen im Umgang mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen untersucht. In drei Teilprojekten werden sozial-kulturelle Kompetenzen als Teil des professionellen Selbstverständnisses in der Aus- und Fortbildung (Teilprojekt B1) und inwiefern dieses im polizeilichen Alltag zum Tragen kommt (Teilprojekt B2) untersucht. Die juristische Studie klärt die Anforderungen an die Informationspflichten der Beamt:innen in sprachlich und kulturell fremden Milieus (Teilprojekt B3). Darüber hinaus wird die Alltagspraxis der polizeilichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Umgang mit Herkunftskategorien analysiert (Teilprojekt B4).

Teilprojekte

B1: Evaluation interkultureller Trainings

B2: Wissen, Information und polizeiliches Handeln

B3: Informationspflichten und Einsatzentscheidungen

B4: Differenzierte Darstellungen? Die polizeiliche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Umgang mit Herkunftskategorien

B1: Evaluation interkultureller Trainings

Ziele und Relevanz
Vor dem Hintergrund veränderter sozial-kultureller Anforderungen an den Polizeiberuf haben die deutschen Polizeien auf die Kompetenzanforderung „kulturelle Sensibilität“ mit unterschiedlichen Konzepten in der Aus- und Fortbildung reagiert. Das Teilprojekt B1 nimmt eine umfassende Bestandsaufnahme und Evaluation von Konzepten im Hinblick auf die interkulturelle Qualifizierung in den Polizeien des Bundes und der Länder vor. Es untersucht, welche Konzepte zum polizeilichen Arbeitsbegriff der „Interkulturellen Kompetenz“ (IK) in den polizeilichen Bildungseinrichtungen der Bundesländer existent sind, wie IK in die Aus- und Fortbildung eingebaut wird, wie wirksam diese Maßnahmen sind und welche Entwicklungsbedarfe es gibt.

Perspektiven und Bezüge
Der NSU 2.0 Untersuchungsausschuss (2014) forderte sowohl die Etablierung von IK als einen festen Bestandteil der Polizeiausbildung als auch die Öffnung der Polizei gegenüber Menschen unterschiedlicher Herkunft für den Polizeiberuf. Entgegen dieser Forderung wird jedoch nicht spezifiziert wie IK genau umgesetzt werden soll. Dieses stellt(e) polizeiliche Bildungseinrichtungen vor eine Herausforderung.
Die Konzepte zur interkulturellen Qualifizierung innerhalb der Polizeien sind vom Föderalismus geprägt („Polizei ist Ländersache“) und damit sehr heterogen. Die Anforderungen an den Polizeiberuf werden komplexer und fordern somit gleichzeitig Lehrbeauftragte dazu auf, neue Inhalte in die Ausbildung von Polizist:innen, bei gleichbleibender Ausbildungsdauer, aufzunehmen. Die Frage danach, welche Themen für die Neuen weichen sollen, stellt sich ebenfalls als Herausforderung heraus, die noch immer in der Praxis diskutiert wird. Die bisherige Forschung im Bereich IK bemängelt, dass die Implementierung von IK zwar zu einer Selbstverständlichkeit geworden zu sein scheint, die Vermittlung und insbesondere die Umsetzung dieser Thematik aber immer noch von den Organisationen unterschätzt werde. Auch mangelt es in der Forschung an Erkenntnissen über die Qualität und Wirksamkeit von IK-Maßnahmen. Daher ist eine Evaluation interkultureller Qualifizierung überfällig. Das Teilprojekt nutzt sozialpsychologische Ansätze sowie die Vorurteilsforschung, um an diesem Forschungsbedarf anzusetzen.

Methoden und Vorgehensweise
Im ersten Schritt erfolgt eine inhaltsanalytische Bestandsaufnahme bestehender Konzepte der IK in Aus- und Fortbildung. Angestrebt ist, dass hier die Informationen aus allen deutschen Polizeien eingehen. Im nächsten Schritt erfolgt eine Evaluation, die sich auf wenige Polizeien beschränkt, und dort in der Tiefe Wissen über interkulturelle Qualifizierungsmaßnahmen generiert. Dazu gehören teilnehmende Beobachtungen der Lehrmaßnahmen sowie Interviews mit Verantwortlichen, Lehrpersonen und Teilnehmer:innen. Daneben werden quantitativ mittels Fragebogenerhebung bei den Teilnehmenden vor und nach den Lehrmaßnahmen Erwartungen, Reaktionen und Wirksamkeit der Lehrveranstaltungen untersucht.
Der Mix aus qualitativen und quantitativen Methoden der Sozialforschung zielt auf eine ganzheitliche Sicht auf die Konzepte, ihre Umsetzung, ihre Wirkungen sowie Kontextbedingungen zu erreichen. Auf der Grundlage dieser Evaluation werden – ergänzend zur fortlaufenden Rückmeldung – Vorschläge zur Verbesserung des Trainings gemacht. Zudem wird eine Kartierung von bestehenden Netzwerken, Arbeitsgruppen und Expert:innen, die das Thema Diversität und IK in der Polizei bearbeiten, erstellt.

Verantwortliche Mitarbeiterinnen: Daniela Gutschmidt (daniela.gutschmidt@dhpol.de), Kristin Weber (kristin.weber@dhpol.de)

B2: Wissen, Information und polizeiliches Handeln

Ziele und Relevanz
Das Erkenntnisinteresse für das Teilprojekt B2 liegt auf dem impliziten Wissen als Entscheidungs- und Handlungsgrundlage in der polizeilichen Alltagspraxis sowie auf der Vermittlung von Erfahrungswissen in der fachpraktischen Ausbildung (polizeilichen Einsatztrainings). Durch eine Vielzahl unterschiedlicher Kulturen, Nationalitäten, Lebensentwürfe und Lebensstile sind Polizistinnen und Polizisten in ihrem Berufsalltag mit heterogenen Einsatzsituationen, sprachlichen und handlungspraktischen Herausforderungen konfrontiert. Dadurch erlangen sozial-kulturelle Kompetenzen für Polizist:innen im Dienst eine immense Bedeutung.
Folgende Forschungsfragen werden dem Teilprojekt zu Grunde gelegt:
1. Wie hält erfahrungsbasiertes Wissen Einzug in die handlungspraktische Ausbildung der Schutzpolizei? Welche Annahme über den späteren Berufsalltag werden dabei implizit und handlungsbasiert vermittelt?
2. Wie entsteht erfahrungsbasiertes (implizites) Wissen innerhalb des Berufsalltags der Schutzpolizei und welche Relevanzen und Bedeutungen haben diese Wissensbestände für die Einsatzbewältigung im Kontakt mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen?

Perspektiven und Bezüge
Nicht erst seit der sich weltweit aufspannenden Diskussion um Racial Profiling oder rechte Netzwerke innerhalb der Polizei wird diskutiert, wie selektives polizeiliches Handeln entsteht. Daran schließt die Frage an, wie durch Aus- und Fortbildung solche Praktiken verhindert werden können. Ein immer wieder diskutierter Erklärungsansatz für die Entstehung selektiver Handlungsweisen, stellt der berufliche Alltag und daraus gewonnenes Erfahrungswissen sowie dienstliche Belastungen dar. Demnach führt ein sich wiederholender und problematisch verlaufender Kontakt zu Minderheiten zu erfahrungsbasierten Wissensbeständen, die in neuen Situationen handlungsleitend sein können. So verweist die bisherige Forschung darauf, dass gerade Erfahrungswissen und Praxisroutinen Sicherheit stiften können, mitunter aber auch stereotype Wahrnehmungs- und Handlungsmuster bedingen. Das Forschungsvorhaben ermöglicht es, den Begriff des Erfahrungswissens als Kernelement polizeilichen Handelns empirisch fundiert zu konzeptualisieren. Hierbei wird theoretisch eine praxeologische Perspektive eingenommen und danach gefragt, wie erfahrungsbasierte Wissensbestände im konkreten praktischen Handeln entstehen, vermittelt und legitimiert werden und wie sich dieses Wissen in institutionalisierte Ausbildungspraktiken hineinträgt. Gerade durch den Beobachtungsschwerpunkt auf die fachpraktische Ausbildung sowie der polizeilichen Alltagspraxis zeigt sich, wie Polizist:innen in einen konjunktiven Erfahrungsraum sozialisiert werden. Dabei spielt das Verhältnis das „theoretische“ Wissen der Ausbildung zu den Anforderungen der Alltagspraxis und dem Erleben der späteren beruflichen Umwelt eine zentrale Rolle.

Methoden und Vorgehensweise
Methodisch folgt das Forschungsvorhaben einem ethnographischen Forschungsansatz. Ziel ist es, Ordnungskriterien von Praktiken und die Entstehung von Wissen in alltagsweltlichen Bezügen und Situationen aus Sicht der handelnden Akteur:innen zu rekonstruieren. Aus diesem Grund dient als Haupterhebungsinstrument die teilnehmende Beobachtung. Konkret werden dafür Dienstgruppen des Wach- und Wechseldienstes der Schutzpolizei sowie in den Einsatztrainings der Ausbildung an unterschiedlichen Standorten in Deutschland begleitet. Ebenso werden Praktika während der Ausbildung in etwaigen Dienststellen in das Beobachtungssetting aufgenommen. Die teilnehmenden Beobachtungen werden durch Interviews und im Kontext der Ausbildung, durch Dokumentenanalysen ergänzt.

Verantwortlicher Mitarbeiter: David Czudnochowski (david.czudnochowski@css.uni-freiburg.de)

B3: Informationspflichten und Einsatzentscheidungen

Ziele und Relevanz
Im Feld der Gefahrenabwehr gilt Kommunikation nach wie vor als das Einsatzmittel der Polizei. Im Kontext einer pluralisierten und damit zunehmend multilingualen Gesellschaft, beschäftigt sich das Teilprojekt B3 deshalb mit Informations- und Kommunikationspflichten, die auch gegenüber nicht Deutsch sprechenden Personen zu erfüllen sind. Im Zentrum der Betrachtung steht § 23 Abs. 1 Verwaltungsverfahrensgesetz (VwVfG), welcher Deutsch als Amtssprache festlegt. Sprachliche Barrieren sind dennoch alltägliche Erfahrungen der Polizei. Dies erschwert nicht nur die Aufgabenerfüllung, sondern kann auch Rechte der verfahrensbeteiligten Personen verletzen. Das macht eine angepasste Auslegung des § 23 Abs. 1 VwVfG notwendig.

Perspektiven und Bezüge
Erweiterte Sprachpflichten der Polizei werden einerseits als Beitrag zu interkultureller Kompetenz verstanden, andererseits werden Entscheidungen, wann von Deutsch abgewichen wird, auch auf der Basis impliziten Wissens getroffen. Das Teilprojekt B3 nimmt die herkömmliche Anwendung des § 23 VwVfG sowie Rechtsfiguren wie das Sprachrisiko kritisch in den Blick und berücksichtigt ferner, dass sich die Dogmatik zu Art. 3 des Grundgesetzes in den letzten Jahren entwickelt hat. Auch die geschichtliche Einordnung der Amtssprache und die bisher unbehandelte Entstehungsgeschichte des § 23 VwVfG werden eingebunden.

Methoden und Vorgehensweise
Den methodischen Kern bildet eine rechtsdogmatische Analyse, die von rechtshistorischen Ausblicken und einer rechtsethnografischen Studie flankiert wird. So wird die Frage behandelt, ob die Amtssprachenregelung nicht viel eher als Grundsatz zu verstehen ist, von dem abgewichen werden kann oder muss.

Verantwortliche Mitarbeiterin: Sarah Praunsmändel (sarah.praunsmaendel@css.uni-freiburg.de)

B4: Differenzierte Darstellungen? Die polizeiliche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Umgang mit Herkunftskategorien

Ziele und Relevanz
In dem Teilprojekt B4 werden die Sprachregelungen der polizeilichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (PÖA) hinsichtlich des Umgangs mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen vor dem Hintergrund des Selbstverständnisses der polizeilichen PÖA und ihrer Funktion bei der Herstellung von Legitimität in einer offenen Gesellschaft analysiert. Dafür wird die polizeiliche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auch im Zusammenspiel mit den klassischen Medien sowie in ihrer Einbettung und Nutzung sozialer Medien in den Blick genommen. Zentral ist dabei die Frage wie die Polizei in ihrem Sprechen nach außen, gesellschaftliche Entwicklungen wie z.B. den Schutz von Minderheiten vor Diskriminierung als auch den omnipräsenten Wunsch nach gefühlter Sicherheit antizipiert. Ziel ist es den Sachstand und die gegenwärtigen Sprachregelungen der Herkunftsnennung in den einzelnen Bundesländern zusammenzutragen und damit einen Erfahrungsaustausch zwischen den einzelnen Pressestellen zu ermöglichen. Gerade für die Praxis soll dabei eine Selbstreflexion über das alltägliche Handeln sowie den Routinen im Umgang mit Herkunftskategorien angeregt werden. So gewährleistet das Teilprojekt durch eine regelmäßige Praxisanbindung und die interne Ergebnispräsentation, Erkenntnisse für die Polizei nutzbar zu machen.

Perspektiven und Bezüge
Die Veränderung des Pressekodes 12.1 des Deutschen Presserats zur Berichterstattung über Straftaten und der Zugehörigkeit zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten hat für den Alltag der Polizei und des Journalismus kaum Konkretisierung gebracht. Einzelne Kriminalfälle brachten darüber hinaus die polizeiliche Pressearbeit sowie ihre Sprachregelungen im Umgang mit der Nennung von Herkunft vermehrt in den öffentlichen Fokus. Das Teilprojekt fragt vor diesem Hintergrund nach der Funktion und den Herausforderungen in der Außenkommunikation für die Polizei, den Abwägungen, die der Nennung der Herkunft zu Grunde gelegt werden sowie den Nebenfolgen. Insbesondere die Binnenperspektive und damit die entsprechenden Handlungslogiken im Themenbereich der Herkunftsnennung der polizeilichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sind weitestgehend unerforscht.

Methoden und Vorgehensweise
Zur Beantwortung der Fragestellungen wird zunächst durch eine Dokumentenanalyse der Sachstand der bundesweit unterschiedlichen rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen in Form von Leitlinien und Erlassen zur Nennung der Herkunft von Tatverdächtigen erhoben. Durch qualitative Experten-Interviews mit Verantwortlichen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Polizeien ausgewählter Polizeipräsidien werden darüber hinaus die handlungspraktischen Herausforderungen, Abwägungen sowie das handlungsleitende Selbstverständnis untersucht. Geplant ist eine Befragung aller Bundesländer. Daneben wird mittels Diskursanalyse eines ausgewählten Kriminalfalls mit massenmedialer Rezeption eine ganzheitliche Betrachtung des Spannungsfeldes „Gesellschaft – Medien – Polizei“ angestrebt.

Verantwortliche Mitarbeiter:innen: Franziska Ludewig (franziska.ludewig@dhpol.de), David Czudnochowski (david.czudnochowski@css.uni-freiburg.de)